Patrizier und Diebesbanden/Rezension

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Rezension von Marc Völker, 2009

Patrizier und Diebesbanden befasst sich mit einem Thema, das im Rollenspiel allgegenwärtig ist und dennoch bisher seit der ersten Havena-Spielhilfe (1985) in keiner Publikation mehr so recht aufgearbeitet wurde: die Gestaltung von aventurischen Städten und dem Rollenspiel in ihnen.

Der erste Teil der Spielhilfe erklärt detailliert, welche Aspekte bei der Darstellung einer aventurischen Stadt zu berücksichtigen sind. Von den Gründen der Ansiedlung über geografischen Aufbau, Stadtpläne, Stadtviertel, Personen bis hin zu Stadtrecht, Ämtern, kulturellen Besonderheiten und vielem mehr werden alle für die glaubwürdige und realistische Darstellung einer Stadt relevanten Faktoren aufgearbeitet und analysiert.

Teil zwei der Spielhilfe enthält drei ausführliche "Musterstädte", mit denen anschaulich der Aufbau einer aventurischen Stadt dargestellt wird. Hier werden die drei Städte Riva (Nordaventurien), Angbar (Mittelaventurien) sowie Mengbilla (Südaventurien) detailliert beschrieben. Die Beschreibungen gehen dabei mit etwa 40 Seiten pro Stadt deutlich über das aus Regionalbescheibungen gewohnte Maß hinaus.

In der Kartentasche auf der letzten Seite findet sich zu jeder der drei Städte ein Stadtplan sowohl mit als auch ohne Kennzeichnung der Lokalitäten (also Spielleiter- und Spielerversion) sowie ein "Steckbrief" für Städte, in dem die wichtigsten Merkmale einer Stadt für die Verwendung im Rollenspiel eingetragen werden können.

Patrizier und Diebesbanden trägt nur wenig bekanntes Material zusammen. Die meisten Inhalte sind komplett neu und wurden bisher bestenfalls irgendwo als Randnotiz erwähnt. Dadurch erhält der Band natürlich gegenüber den Regionalbeschreibungen einen kleinen Vorteil, da die Regionalbeschreibungen ja zum Großteil "nur" überarbeitetes Material enthalten.

Die Texte in Patrizier und Diebesbanden sind informativ und ausführlich. Zuweilen mangelt es jedoch ein wenig an der Übersichtlichkeit. Die Autoren gehen dermaßen in die Details, dass es phasenweise schwierig ist, den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren. Ein paar mehr Übersichten wären in diesem Zusammenhang hilfreich gewesen. Besonders der "Stadtbaukasten", also der erste Teil der Spielhilfe, hätte meiner Meinung nach etwas übersichtlicher sein können. Ein paar Tabellen und insbesondere eine Checkliste hätten die Übersichtlichkeit enorm verbessert. Außerdem sind die Texte für meinen Geschmack manchmal etwas zu trocken und langatmig.

Layout:
Patrizier und Diebesbanden erscheint als Hardcover - und als Quellenband Q3 - im Rahmen der "Blauen Reihe" der Spielhilfen. Das Layout orientiert sich grundsätzlich am bekannten Konzept der Regionalbeschreibungen. Jedoch wird es um ein neues Element erweitert: Texte, die Spielleiterinformationen enthalten, sind in einem Kasten dargestellt, der mit dem Symbol der Maske des Meisters gekennzeichnet wurde.

Die Illustrationen konnten mich nicht vollständig überzeugen. Ein Großteil der Bebilderung wirkt zwar recht hochwertig, ist jedoch bei genauerer Betrachtung teilweise aus früheren Publikationen übernommen. Die neuen Bilder passen hier zum Teil überhaupt nicht dazu, weil ein völlig anderer Zeichenstil verwendet wurde.

Zuweilen verfallen die Autoren auch innerhalb eines Textes wieder in einen stetigen Wechsels zwischen männlichen und weiblichen Formen. Das ist nicht dramatisch, aber sehr störend und unschön.

Positiv war ich hingegen von den Karten überrascht. Die Zeichnungen sehen sehr schön aus, und das verwendete Papier macht ebenfalls einen ordentlichen Eindruck. Außerdem fällt auf, dass die Karten in Patrizier und Diebesbanden größenmäßig sehr gut in die Kartentasche am Ende des Buches passen (war bisher häufig nicht so) und die Gefahr für "Eselsohren" daher minimal ist. Auch an praktisches Handling wurde gedacht: Die beiden Versionen einer Stadtkarte befinden sich niemals auf dem selben Handout, so dass gewährleistet ist, dass Spielleiter- und Spielerversion zeitgleich verwendet werden können.

Fazit:
Mit Patrizier und Diebesbanden setzt Ulisses-Spiele das meines Erachtens sehr gute Konzept der thematischen Spielhilfen konsequent fort. Bei der Erschaffung einer Stadt leistet der Band wertvolle Dienste. Als Zugabe werden gleich noch drei vollwertige Stadtbeschreibungen mitgeliefert. Der einzig größere Kritikpunkt stellt die Übersichtlichkeit dar, die zuweilen etwas zu wünschen übrig lässt. Das Buch richtet sich in erster Linie an "Selbstschreiber", das heißt an Spielleiter, die ihre eigenen Abenteuer entwerfen. Jedoch werden auch Fans von Kaufabenteuer hier wertvolle Hinweise zur Ausgestaltung vorgegebener Handlungsorte finden. Einsteiger dürften mit der Informationsdichte überfordert sein. Der Preis ist für das Gebotene ist meiner Ansicht nach angemessen. Von mir erhält Patrizier und Diebesbanden 8 von 10 Punkten.